Viele Websites schliessen Menschen aus. Nicht absichtlich. Nicht böswillig. Sondern schlicht, weil Barrierefreiheit im Designprozess keine Rolle gespielt hat.
Der häufigste Einwand: "Das betrifft doch nur eine kleine Minderheit."
Die Zahlen sagen etwas anderes. In der Schweiz leben über 1,8 Millionen Menschen mit einer Behinderung. Dazu kommen all jene mit temporären Einschränkungen – ein gebrochener Arm, eine Augenoperation, eine vergessene Brille. Und dann sind da die situativen Einschränkungen, die uns alle betreffen: Das Smartphone in der grellen Sonne. Das Video ohne Ton im Zug. Die komplexe Navigation, wenn man müde ist und eigentlich nur eine Information sucht.
Barrierefreiheit ist kein Nischenthema. Sie ist die Grundlage für Design, das wirklich funktioniert.
Mehr als ein Häkchen auf der Compliance-Liste
Ja, es gibt gesetzliche Anforderungen. Der European Accessibility Act (EAA) trat in der EU bereits 2025 in Kraft und betrifft viele digitale Produkte und Dienstleistungen. Die Schweiz wird mittelfristig nachziehen – der Druck steigt.
Aber wer Accessibility nur als regulatorische Pflicht versteht, verpasst den Punkt.
Barrierefreiheit ist kein Add-on, das man am Ende draufschraubt. Sie ist eine Designhaltung. Eine Entscheidung, von Anfang an für alle zu gestalten – nicht nur für die, die zufällig den gleichen Browser, die gleiche Sehstärke und die gleiche Internetverbindung haben wie das Designteam.
Der eigentliche Treiber ist nicht Compliance. Der eigentliche Treiber ist: Gutes Design ist inklusives Design.
Was für einige notwendig ist, macht es für alle besser
Dieses Prinzip hat einen Namen: Der Curb-Cut-Effekt. Abgesenkte Bordsteine wurden ursprünglich für Rollstuhlfahrer eingeführt. Heute nutzen sie alle – Eltern mit Kinderwagen, Reisende mit Koffern, Velofahrer, Lieferanten mit Sackkarren. Eine Lösung für wenige wurde zum Standard für alle.
Im digitalen Design funktioniert es genauso. Gute Farbkontraste helfen Menschen mit Sehbeeinträchtigungen. Aber auch allen anderen – besonders bei schlechten Lichtverhältnissen oder auf günstigen Bildschirmen. Untertitel in Videos sind für Gehörlose essenziell. Aber auch für alle, die im Zug ohne Kopfhörer sitzen oder in einer lauten Umgebung scrollen. Klare Navigation und logische Struktur helfen Menschen, die Screenreader nutzen. Aber auch allen, die einfach schnell finden wollen, was sie suchen.
Accessibility ist keine Einschränkung des Designs. Sie ist besseres Design.
Der Bonus: Suchmaschinen lieben Accessibility
Was für Menschen mit Screenreadern funktioniert, funktioniert auch für Suchmaschinen. Beide "lesen" eine Website ohne visuelle Darstellung – rein über Struktur und Text.
Sinnvolle Alt-Texte? Helfen nicht nur Sehbehinderten, sondern auch Google, Bilder zu verstehen und zu indexieren. Klare Heading-Hierarchie? Macht Inhalte für Screenreader navigierbar und für Suchmaschinen strukturiert erfassbar. Transkripte und Untertitel? Plötzlich ist auch Videocontent durchsuchbar.
Mit dem Aufstieg von AI-gestützter Suche wird das noch relevanter. ChatGPT, Perplexity und Co. brauchen strukturierte, semantisch saubere Inhalte, um Antworten zu generieren. Accessibility und AEO gehen Hand in Hand.
Barrierefreiheit ist damit nicht nur ethisch richtig – sie ist auch strategisch klug.
Die Basics, die erstaunlich oft fehlen
Man muss kein Accessibility-Experte sein, um die häufigsten Fehler zu vermeiden. Oft sind es Grundlagen, die übersehen werden:
Farbkontraste: Text, der auf dem Designer-Monitor noch lesbar aussieht, verschwindet auf anderen Bildschirmen. Ein Kontrastverhältnis von mindestens 4.5:1 für normalen Text ist kein Nice-to-have, sondern Lesbarkeit.
Alternativtexte: "Bild1.jpg" oder "Header-Image" helfen niemandem. Ein guter Alt-Text beschreibt, was auf dem Bild zu sehen ist – oder welche Information es transportiert.
Tastaturnavigation: Nicht alle nutzen eine Maus. Manche können es nicht, manche wollen es nicht. Eine Website, die nur per Maus bedienbar ist, schliesst Menschen aus. Fokuszustände müssen sichtbar sein, die Tab-Reihenfolge muss logisch sein.
Formulare: Ein Eingabefeld ohne sichtbares Label ist für Screenreader-Nutzer ein Rätsel. Placeholder-Text allein reicht nicht – er verschwindet beim Tippen und wird nicht zuverlässig vorgelesen. Jedes Feld braucht ein echtes Label, Fehlermeldungen müssen klar zugeordnet sein, und Pflichtfelder sollten nicht nur durch Farbe gekennzeichnet werden. ARIA-Attribute helfen, wo natives HTML an Grenzen stösst.
Echte Struktur: Ein Heading, das nur gross und fett ist, aber im Code kein H1, H2 oder H3, ist für Screenreader unsichtbar. Struktur muss nicht nur visuell existieren, sondern auch semantisch.
Diese Basics kosten kaum Mehraufwand – wenn sie von Anfang an mitgedacht werden.
Öffentliche Hand, Bildung, Kultur: Höhere Anforderungen
Für Websites im öffentlichen Bereich gelten strengere Massstäbe. Kantone, Gemeinden, Hochschulen, Kulturinstitutionen – sie alle haben einen Auftrag, der Exklusion nicht zulässt.
Hier reichen die Basics nicht.
Screenreader-Kompatibilität ist kein Bonus, sondern Pflicht. Jede Information, jede Funktion muss auch ohne visuellen Zugang nutzbar sein. Das betrifft Navigation, Formulare, interaktive Elemente, dynamische Inhalte.
Barrierefreie PDFs sind ein unterschätztes Problem. Die meisten PDFs, die auf Behörden- oder Hochschulwebsites liegen, sind für Screenreader unbrauchbar – unleserliche Textblöcke, fehlende Struktur, keine Alternativtexte für Grafiken. Ein PDF barrierefrei zu gestalten, erfordert Aufwand. Aber ein PDF, das niemand lesen kann, erfüllt seinen Zweck nicht.
Videos brauchen Untertitel. Nicht automatisch generierte, die "Accessibility" als "Excel-Ibiliti" ausgeben, sondern geprüfte. Für manche Inhalte ist zusätzlich Audiodeskription sinnvoll – die Beschreibung dessen, was visuell passiert.
Leichte Sprache ist eine eigene Disziplin. Kurze Sätze, einfache Wörter, klare Struktur. Für Menschen mit kognitiven Einschränkungen ist sie essenziell. Für alle anderen macht sie Inhalte schlicht verständlicher.
Ein Beispiel, wie das in der Praxis aussehen kann: kultiv.ch zeigt, dass Inklusion und gutes Design kein Widerspruch sind. Im Gegenteil.

