Das Design steht. Die Webflow-Entwicklung ist abgeschlossen. Alles sieht fantastisch aus – zumindest mit den Platzhaltern.
Dann kommt der Moment der Wahrheit: Die echten Inhalte sollen rein. Und plötzlich passt nichts mehr. Die Headlines sind zu lang für das elegante Layout. Die Produktbilder haben das falsche Format. Das versprochene Imagevideo? Kommt vielleicht nächstes Quartal. Die Testimonials? "Die sammeln wir noch."
Ich erlebe das regelmässig. Bei einem Projekt sollte ein Case-Study-Bereich das Herzstück der Website werden – prominent platziert, strategisch durchdacht, visuell perfekt integriert. Das war vor drei Jahren. Auf die erste Case Study warte ich bis heute.
Das ist kein Einzelfall. Es ist fast schon die Regel.
Content-First neu gedacht
Content-First bedeutet nicht, dass alle Texte fertig geschrieben sein müssen, bevor ein einziger Pixel bewegt wird. Das wäre in der Praxis kaum umsetzbar und würde Projekte unnötig blockieren.
Content-First bedeutet: Inhalte als Fundament verstehen, nicht als Lückenfüller.
Und "Content" ist dabei weit mehr als Text. Es sind Bilder, Illustrationen, Videos, Testimonials, Daten, Referenzen – alles, was eine Website mit Leben füllt. Es ist auch die Frage, welche typografischen Anforderungen das Konzept stellt. Brauchen wir starke Headlines, die alleine tragen können? Oder lebt das Design von der Bildsprache?
Die zentralen Fragen lauten: Welche Inhalte existieren bereits? Welche können wir realistisch liefern und dauerhaft pflegen? Und welche wollen wir bewusst neu konzipieren und entwickeln?
Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen Wunsch-Content und Real-Content. Wunsch-Content ist das Hochglanz-Shooting, das im Budget nicht vorgesehen ist. Real-Content sind die Smartphone-Fotos, die tatsächlich existieren. Gutes Design kennt diesen Unterschied und plant entsprechend.
Strategie kommt vor Ästhetik. Design-Entscheidungen sollten sich aus Content-Realitäten ableiten – nicht umgekehrt.
Die typischen Stolperfallen
Das Full-Screen-Header-Syndrom
Das Konzept sieht grossflächige, stimmungsvolle Bilder vor. Vielleicht sogar auf jeder Unterseite. Im Moodboard funktioniert das wunderbar – mit Bildern aus Unsplash oder sorgfältig kuratierten Stock-Aufnahmen.
Dann kommt die Realität: Das Budget für ein professionelles Shooting ist nicht da. Oder die Zeit fehlt. Am Ende werden 08/15-Stockbilder eingefügt, die so generisch sind, dass sie auch auf jeder Konkurrenz-Website stehen könnten. Das Design, das auf starke Bilder ausgelegt war, wirkt plötzlich beliebig und austauschbar.
Und auch KI-generierte Bilder sind kein Freifahrtschein. Ja, Midjourney und Co. liefern beeindruckende Ergebnisse. Aber eine konsistente Bildsprache für eine ganze Website entsteht nicht mit einem einzigen Prompt. Sie braucht ein visuelles Konzept, durchdachte Vorgaben und oft dutzende Iterationen. Der Aufwand verschiebt sich – er verschwindet nicht.
"Wir machen dann noch ein Video"
Einer der teuersten Sätze im Webdesign. Video-Produktion braucht Konzept, Equipment, Zeit, Schnitt – und damit Budget. Wer einen Video-Header plant, ohne das Video zu haben, bremst den Relaunch aus.
Das gilt nicht nur für den Hero-Bereich. Auch Produktvideos, Erklärfilme oder Team-Vorstellungen werden gerne eingeplant und selten umgesetzt. Die Lücken bleiben – oder werden mit halbherzigen Smartphone-Aufnahmen gefüllt, die dem restlichen Auftritt nicht gerecht werden.
Der Testimonial-Friedhof
Die Testimonial-Sektion ist eingeplant, das Design steht. Drei schöne Karten mit Foto, Zitat und Firmenlogo. Nur: Die Kunden wurden noch nicht gefragt. Oder sie haben zugesagt, aber nie geliefert. Die Sektion bleibt leer – oder wird mit Platzhaltern gefüllt, die bei jedem Website-Besuch an das erinnern, was fehlt.
Minimalistische Typografie ohne Substanz
Ein reduziertes, typografisches Design kann elegant wirken. Wenn der Text stark genug ist, um alleine zu tragen. Wenn die Headlines Kraft haben. Wenn die Aussagen prägnant sind. Ohne starken Text wird Minimalismus schnell zu Leere.
Gute Headlines schreiben sich nicht nebenbei. Sie brauchen Klarheit über die Botschaft, Zeit für Iterationen und oft externe Unterstützung. Wer das unterschätzt, steht am Ende mit einem Layout, das nach Aussage schreit – und Platzhaltern, die flüstern.
Der Zeitdruck-Teufelskreis
Das Design ist fertig. Die Webflow-Entwicklung ist abgeschlossen. Alles wartet auf den Content. Der aber braucht länger als gedacht. Kann eben doch nicht "schnell zusammengeschrieben" werden. Der Launch verzögert sich. Der Druck steigt. Die Qualität leidet. Am Ende geht eine Website online, die niemanden wirklich zufriedenstellt.
Content-First in der Praxis
Phase 1: Der Content-Realitätscheck
Bevor das erste Wireframe entsteht, braucht es Klarheit: Was existiert wirklich? Was kann realistisch produziert werden? Mit dem vorhandenen Budget, der verfügbaren Zeit, den internen Ressourcen.
Das bedeutet unbequeme Fragen zu stellen. Nicht "Hätten Sie gerne einen Video-Bereich?" sondern "Haben Sie Videos? Können wir welche produzieren? Überhaupt realistisch und bis wann?"
Ein ehrlicher Content-Audit am Anfang verhindert böse Überraschungen am Ende.
Phase 2: Design-Richtung aus Content-Stärken ableiten
Die Ergebnisse des Realitätschecks bestimmen die Design-Richtung:
Starke Bildwelt vorhanden? Dann kann das Design bildlastig arbeiten, mit grosszügigen Flächen und visuellen Statements.
Starke Texte, aber schwache Bilder? Dann ist ein typografischer Ansatz oft sinnvoller: Headlines, die wirken, Weissraum als Gestaltungselement, Bilder nur als Akzente.
Weder noch wirklich stark? Dann können Illustrationen, abstrakte Grafiken oder ein stark strukturiertes Layout helfen, das ohne Hero-Content auskommt.
Das ist kein Eingeständnis von Schwäche. Es ist strategisches Design.
Phase 3: Träumen mit Plan
Content-First heisst nicht, dass Visionen keinen Platz haben. Im Gegenteil: Wer von Anfang an weiss, dass ein Imagevideo das Konzept auf ein neues Level heben würde, kann das einplanen – als bewusstes Teilprojekt mit eigenem Zeitplan und Budget.
Der Unterschied: Das Video wird nicht als "kommt schon irgendwie" abgehakt, sondern als eigenständiger Meilenstein definiert. Das Konzept berücksichtigt beide Szenarien – den Launch ohne Video und die spätere Integration. So bleibt Raum für Entwicklung, ohne dass die Website in der Zwischenzeit unfertig wirkt.
Neue Wege gehen ist ausdrücklich erlaubt. Nur sollten sie bewusst gegangen werden, nicht aus Versehen versprochen.
Phase 4: Design als Verstärker
Gutes Design kaschiert nicht. Es verstärkt, was da ist. Es nimmt die vorhandenen Inhalte und bringt sie zur besten Wirkung. Es plant für die Realität, nicht für das Wunschkonzert.
Das bedeutet auch: Flexibilität einbauen. Bereiche, die wachsen können. Layouts, die auch mit weniger Content funktionieren. CMS-Strukturen, die nicht von Tag eins an vollständig befüllt sein müssen.
Hier zeigt sich ein klarer Vorteil von Webflow: Das CMS lässt sich so aufbauen, dass es mit den realen Inhalten mitwächst. Eine Case-Study-Sektion kann existieren, ohne dass zehn Cases da sein müssen. Ein Blog muss nicht zum Launch bereitstehen. Er kann folgen, wenn Inhalte und Ressourcen vorhanden sind. Neue Bereiche lassen sich auch später ergänzen, ohne die bestehende Struktur zu sprengen. Eine Website, die mit den Möglichkeiten und Bedürfnissen wächst – nicht eine, die von Anfang an alles können muss.

