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AI generiert. Design entscheidet.

AI kann alles gestalten. Nur nicht wissen, was weg muss.

AI erzeugt heute in Sekunden, wofür wir früher Tage gebraucht haben. Trotzdem nimmt sie uns die eigentliche Arbeit nicht ab. Ein Blick aus der Werkstatt, entlang unserer drei Phasen.

Autor:
Damian Müller
Lesezeit:
6 Minuten
August 2026

Das Generieren ist trivial geworden. Ein Prompt, zwanzig Layouts. Ein Satz, zehn Textvarianten. Ein Stichwort, eine ganze Bildwelt. Was früher ein halber Tag war, ist eine Frage von Sekunden.

Und trotzdem: Grösser wird der Stapel, nicht die Klarheit.

Genau das ist der Punkt, den die meisten Diskussionen über AI im Design über­springen. Das Knappe war nie das Produzieren. Das Knappe war immer das Entscheiden. Was weglassen. Worauf fokussieren. Was der Nutzer wirklich braucht. AI produziert Fülle. Gute Gestaltung schafft Klarheit. Das ist keine Kritik an der Technologie. Es ist eine Beschreibung, wo die Arbeit heute liegt.

Wir nutzen AI täglich. Kein Hype, echte Werkzeuge. Deshalb hier kein Trendbericht, sondern wie es bei uns tatsächlich aussieht, Phase für Phase. Jeweils mit dem, was AI real übernimmt, und dem, was sie uns nicht abnimmt.

Navigate: Verstehen

AI ist ein starker Beschleuniger für alles, was mit Verstehen zu tun hat. Sie synthetisiert Research, findet Muster in Analytics, verschafft in Minuten einen Überblick über Wettbewerber und liefert erste Personas, mit denen man wie mit einem Sparringspartner denken kann. Was früher Tage der Vorarbeit war, ist Material für den ersten Termin.

Die Grenze zeigt sich schnell. AI liefert Antworten. Sie weiss aber nicht, welche Frage die richtige ist. Sie erkennt in den Daten, dass Nutzer auf einer Seite abspringen. Ob das Problem die Seite ist, das Angebot dahinter oder eine falsche Erwartung schon zwei Klicks vorher, das ist eine Interpretation. Das Problem sauber zu rahmen, bevor man es löst, bleibt menschliche Arbeit. Und es ist die folgenreichste im ganzen Prozess.

Craft: Gestalten

Hier greift AI am tiefsten in die tägliche Arbeit ein. In der Ideenfindung wird sie zum Sparringspartner: Du wirfst eine Richtung ein und bekommst Gegen­vorschläge, Einwände, drei Varianten, an die du nicht gedacht hast. Farbwelten und Bild­sprachen lassen sich in Minuten durchspielen, statt sie mühsam aufzubauen. Eine vage Idee im Kopf wird zur schnellen Visualisierung, die man zeigen und verwerfen kann, bevor sie teuer wird. Dazu Copy-Entwürfe, erste Layouts und, wo es passt, Code mit Replit und Claude (wie wir das konkret nutzen, steht in unserem Vibe-Coding-Artikel).

Das verändert das Tempo der Craft-Phase grundlegend. Ausprobieren kostet fast nichts mehr, und das ist ein echter Gewinn.

Genau hier liegen aber auch zwei Fallen: Die erste ist der Einheitsbrei. AI ist auf dem Durchschnitt trainiert und liefert genau das: das schon Gesehene, sauber gemacht. Das Ergebnis wirkt auf den ersten Blick gut und auf den zweiten austauschbar. Es hat keine Haltung, weil eine Haltung eine Entscheidung ist und keine Wahr­scheinlich­keit. Charakter entsteht dort, wo jemand bewusst gegen die naheliegende Variante entscheidet.

Die zweite ist der unsichtbare Aufwand dahinter. Ein hübsches Mockup ist noch kein Design System. Konsistente Tokens, saubere Komponenten, durchdachte Zustände, ein Handoff, mit dem Entwickler wirklich arbeiten können. Diese Fleiss­arbeit entscheidet über Wartbarkeit und Qualität, und sie ist genau der Teil, den AI dir nicht abnimmt. Sie produziert die Oberfläche, nicht das Fundament. Dasselbe gilt für Barrierefreiheit: Einen Kontrast-Check fährt man schnell, aber echte Zugänglich­keit ist eine Designhaltung, kein Häkchen.

Und über allem steht die eine Disziplin, die AI dir nie aufdrängt: das Weglassen. Zwanzig Richtungen sind kein Fortschritt, sondern ein Entscheidungs­problem. Die Arbeit ist, aus zwanzig Möglich­keiten die eine zu wählen, die trägt, und den Rest zu streichen. Das ist Reduktion in Reinform. AI zieht in die Gegen­richtung: mehr, schneller, noch eine Variante. Dieses Gespür heisst in der Branche Taste. Und es lässt sich schwerer automatisieren, als viele dachten. Wir nennen es Simply Beyond.

Evolve: Weiterentwickeln

Nach dem Launch spielt AI ihre Stärke wieder aus. Nutzer­verhalten auswerten, Content skalieren, SEO-Arbeit strukturieren, Ideen für A/B-Tests liefern. Die Iteration wird schneller, die Distanz zwischen Beobachtung und Anpassung kürzer.

Auch hier dieselbe Grenze in anderem Gewand. Zahlen sind keine Bedeutung. AI zeigt dir, was passiert. Warum es passiert und was strategisch daraus folgt, ist Inter­pretation, und Inter­pretation ist eine Entscheidung. Eine Website lebendig zu halten heisst nicht, auf jede Kennzahl zu reagieren. Es heisst zu wissen, welche Kennzahl zählt.

Lust auf strukturiertes Vorgehen?

Was durch AI wertvoller wird

Ein Muster zieht sich durch alle drei Phasen. Überall, wo AI hilft, hilft sie beim Produzieren. Überall, wo sie an eine Grenze stösst, geht es ums Entscheiden.

Das hat eine einfache ökonomische Konsequenz. Alles, was AI leicht macht, verliert an Wert. Alles, was sie nicht kann, gewinnt. Wenn das Erzeugen gratis wird, steigt der Wert des Urteils.

Urteilsvermögen wird nicht ersetzt. Es wird teurer.

Wird es also billiger, schneller, schlechter?

Diese Frage stellt jedes Unternehmen, das mit einer Agentur arbeitet, die AI einsetzt. Sie verdient eine klare Antwort in drei Teilen.

Schneller? Ja, in Teilen. Recherche, Aufbereitung, wiederkehrende Fleissarbeit, das Erzeugen an sich, all das beschleunigt sich real. Die langweiligen, sich wieder­holenden Aufgaben schrumpfen, und das lässt mehr Raum für die Arbeit, die zählt.

Billiger? Nicht automatisch. Das Teure verschwindet nicht, es verschiebt sich. Weg vom Machen, hin zum Kuratieren und Entscheiden. Der Aufwand wandert von der Produktion zum Urteil, und Urteil war noch nie der günstige Teil.

Schlechter? Nur, wenn niemand mehr entscheidet. AI macht mittel­mässiges Design schneller mittel­mässig. Sie liefert glatte Ergebnisse, die auf den ersten Blick überzeugen und beim zweiten auseinanderfallen, weil ihnen die eine klare Haltung fehlt. Gut wird Gestaltung weiterhin nur, wenn jemand Nein sagen kann.

Deshalb ändert AI bei uns viel im Wie. Und nichts im Warum.